Das Haupt von Jankowo

Mit der mittelalterlichen Festung auf der Insel des Pakoskie Sees wird einer der interessantesten Funde dieser Region in Verbindung gebracht – das sog. Haupt von Jankowo, ein aus Eichenholz geschnitzter Kopf eines Menschen. Diese Entdeckung wurde 1887 bei Vertiefungsarbeiten am Inselufer gemacht. Die Skulptur lag im 2 m tiefen Schlamm. Sie hatte eine Höhe von 24 cm und eine viereckige Vertiefung unten

Der Hobbyarchäologe und Gutsverwalter Pahlke hat das Fundstück gesäubert und mit Salizylsäure konserviert. Des Weiteren fertigte er eine detailierte Beschreibung an und schickte sie an die deutsche historische Gesellschaft in Posen. Auf diese Weise kam das Haupt von Jankowo in das Archäologische Museum Posen, wo es von dem deutschen Historiker und Archäologen Kurt Langenheim, der sich in der Wikingerkultur spezialisierte, genauestens untersucht wurde.

Aufgrund der Untersuchungsergebnisse kam Langenheim zum Schluss, dass der hölzerne Kopf von den Wikingern angefertigt wurde (oder von einem Künstler skandinavischer Herkunft). Seine Bemerkungen und Schlüsse verfasste er 1944 im Artikel „Der Kopf von Adolfinenhof Kreis Mogilno, eine Wikingische Holzplastik“. Sein Konzept wurde später mit einer nationalistischen Theorie in Verbindung gebracht, deren zufolge diese Region zuerst von urgermanischen Stämmen besiedelt und erst später von den Slawen eingenommen wurde. Diese Theorie sollte u.a. die Ansprüche des nationalsozialistischen Deutschlands auf diese Region rechtfertigen.

Leider konnte das Konzept des deutschen Forschers nicht verifiziert werden, denn das Fundstück verschwand gegen Ende des Zweiten Weltkrieges. Es gab sogar Gerüchte, dass es von Langenheim selber aus dem Museum entwendet wurde. Zum Glück sind Fotografien des Fundes und die dazugehörige Dokumentation erhalten geblieben. So konnte eine Reihe anderer Theorien entwickelt werden.

Das Haupt von Jankowo wurde u.a. mit der keltischen Kultur in Verbindung gebracht. Janina Rosen-Przeworska, eine Expertin auf diesem Gebiet, sah eine Verbindung mit dem Motiv der „abgeschlagenen Köpfe“ und den Spuren eines keltischen Sanktuariums, die im nahe gelegenen Janikowo gefunden wurden. Natürlich gab es auch katholische Interpretationsversuche – einige Historiker waren der Meinung, dass es sich hierbei um den Teil einer Skulptur des Gekreuzigten Christus handelt.

Gegenwärtig wird angenommen, dass die hölzerne Skulptur von slawischen Handwerkern angefertigt wurde. Die meisten Probleme bereitet jedoch eine präzise Bestimmung der Funktion und des Entstehungsdatums des Fundstückes. Ein interessantes Konzept wurde von Anna Błażejewska entwickelt. Sie vertritt die Auffassung, dass das Haupt frühestens zwischen dem 10. und 11. Jh., also zur Christianisierungszeit der polnischen Gebiete, entstanden sein kann und von der ottonischen Kunst inspiriert wurde, aber eine heidnische Gottheit darstellt.

Von anderen in dieser Gegend gefundenen Skulpturen unterscheidet sich das Fundstück durch die überaus detailgenaue Bearbeitung und den anthropozentrischen Charakter, gepaart mit der konventionellen Form der Seiten und des hinteren Teils der Skulptur (wodurch sie auch der prähistorischen Kunst zugeschrieben wurde). Dass diese Skulptur unter dem Einfluss der ottonischen Kunst entstanden ist, zeugen nach Meinung von Błażejewska die Detailfülle und der allgemeine Charakter der angewandten Bildhauertechnik.

Jankowo liegt in der Nähe der Ortschaft Kruszwica, die im 11. Jh. zu den größten Zentren der frühfeudalen Macht gehörte. Es war ein Ort, an dem der künstlerische Geist aufblühen konnte – inspiriert von der ottonischen Kunst. Man kann also nicht ausschließen, dass der Bildhauer von Jankowo versucht hat, die Technik der Künstler aus Kruszwica in sein Werk hineinzuinterpretieren oder gar direkt mit der ottonischen Kunst zu tun hatte – oftmals brachten westliche Missionare Künstler mit in die christianisierten Gebiete.

Trotz der deutlichen Übereinstimmungen mit der christlichen Kunst, stellt das Kunstwerk laut Błażejewska eine heidnische Gottheit dar. Davon zeugt u.a. der Fundort: das hölzerne Haupt wurde auf dem Grund des Sees gefunden, in den es wahrscheinlich mit Absicht hineingeworfen wurde. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass in Zeiten der Christianisierung ein Abbild von Christus auf diese Weise behandelt wurde. Gleichzeitig existieren keine Angaben zu sakralen Objekten, mit denen dieser Fund in Verbindung gebracht werden könnte.

Die Frage ist also: Wieso greift ein Künstler zu neuen Ausdrucksformen, um einen alten Kult darzustellen? Vielleicht ist er sich dessen bewusst geworden, dass er nur auf diese Weise den traditionellen Glauben der anstürmenden Christianisierung gegenüberstellen kann? Wenn man den Stil und die Form der Skulptur mit anderen Relikten der ottonischen Kunst vergleicht, kann angenommen werden, dass sie wahrscheinlich in den 30er Jahren des 11. Jh. entstanden ist – also zur Zeit der sog. „heidnischen Reaktion“. Błażejewska ist der Meinung, dass die Skulptur bei Kämpfen zwischen heidnischen Stämmen zerstört werden konnte. Sie in den See zu werfen, war ein Akt der Profanation. Sicherlich konnte sie nicht später als gegen Ende des 11. Jh. zerstört werden, als die Siedlung in Jankowo praktisch aufgegeben wurde.